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H.R. Giger (* 5. Februar 1940 in Chur; † 12. Mai 2014 in Zürich)

Fleisch wurde Technik wurde Fleisch

Der Künstler und Alien-Erfinder H. R. Giger war fasziniert von der Verschmelzung von Mensch und Objekt. In seinem Werk schuf er eine Welt ohne Götter, Unschuld und Liebe.
Wir verschwinden. Die Auflösung im Code, der Transport des Geistes in die vernetzte, unsichtbare Reproduzierbarkeit, wie sie zuletzt im Science-Fiction-Film „Transcendence“ gezeigt wurden – sind das nicht die Versprechen und die Drohungen der digitalen Technologie?

Hans Ruedi Giger, geboren 1940 in Chur, am Montag gestorben, hat nicht daran geglaubt. Er hat in seinen Zeichnungen und Skulpturen die fleischlich-metallene Metamorphose in aller Konsequenz ausgemalt. Mit der Airbrush zumeist in Grau und Braun, dazu ein wenig Weiß und viel Schwarz.

Es ist eine Welt ohne Unschuld, die Giger erdacht hat. Sein Vater, ein Apotheker, drängte ihn als jungen Burschen zu einer Ausbildung zum Bauzeichner. Später schrieb Giger einmal: „‚Künstler‘ ist in Chur ein Schimpfname, der Säufer, Herumhurer, Faulenzer und Debilität in einem bedeutet“. Er ging nach Zürich, wo er Architektur und Industriedesign studierte. Zu seinen ersten Veröffentlichungen gehörten Tuschezeichnungen der „Atomkinder“. Ein wenig von Dalí und viel von Francis Bacon steckt in diesen armen, deformierten Kreaturen. Und es nimmt nicht Wunder, dass Giger zeitlebens als Surrealist bezeichnet wurde.

Ekstase des Grauens

Allerdings überführte Giger die Traumlogik der Surrealisten in eine Albtraumlogik. In seinen Entwürfen entfaltet sich eine Ekstase des Grauens. Selbst Babys werden bei ihm zu Klöpsen der Massenreproduktion, wie man in seiner „Landschaften“-Serie aus den Siebzigerjahren sehen kann. „In diesen Bildern sehen wir uns selbst als kriechende Embryos, als fetale, larvale Kreaturen, geschützt durch die Hülle unseres Egos, wartend auf den Moment der Metamorphose und Neugeburt“, schrieb Timothy Leary, ein großer Anhänger von Gigers Werk.
Es ist eine Welt ohne Götter, die Giger erdacht hat. Er war zwar fasziniert vom Cthulhu-Mythos, den der amerikanische Horrorautor H.P. Lovecraft erschaffen hatte, vermutlich aber vor allem von dessen zentralem Paradoxon: Je intensiver Lovecraft das Unbeschreibliche seiner Gottheiten beschwor, desto stärker wurde das Verlangen nach einer bildlichen Umsetzung.
Seine mit Abstand bekannteste Arbeit ist eine reptilienhafte Verkörperung der absoluten Macht, frei von Moral, evolutioniert zum Töten, verpflichtet nur der Selbsterhaltung: 1980 gewann Giger einen Oscar für seine Gestaltung des „Alien“ im gleichnamigen Film von Ridley Scott. Er schuf diesen langgestreckten Schädel, aus dem noch einmal ein Beißprügel herausschießen kann – aber wo sind die Augen? Überwuchert, abgewendet, zu Schlitzen verzerrt, von Deckeln versperrt. Es blickt selten zurück aus Gigers Arbeiten. Ridley Scott jedenfalls ließ das Publikum einem männlichen Wesen beim Jagen und Töten zuschauen, die Gewalt des Aliens war eine überdeutlich sexualisierte.

Alles Kybernetik, nirgendwo Verführung

Es ist eine Welt ohne das Denken, die Giger erdacht hat. Die Sexualität ist bei ihm automatisiert, mechanisch. Über die Lust haben sich seine Phantasmagorien, die „Biomechanoids“ und die „Erotomechanics“ längst erhoben, ganz zu schweigen von der Liebe. Alles umschlingt alles, die Technik wird Fleisch und das Fleisch wird Technik, Phalli und Vulven sind ins Metallisch-Gigantische mutiert, alles läuft kybernetisch ab, nicht rituell und natürlich kein bisschen verführerisch.

Bei dieser Faszination für die Verschmelzung von Mensch und Objekt ist es wenig überraschend, dass Giger auch als Möbeldesigner gearbeitet hat. Für Alejandro Jodorowskys gescheitertes Filmprojekt „Dune“ hat er Stühle entworfen. Seit 2003 können sich die Besucher der Bar in Gigers eigenem Museum auf die Harkonnen-Stühle setzen. Das Museum ist ein mittelalterliches Chateau in Gruyères, das Giger selbst umgebaut hat. Die Bar ist ein futuristisch-gespenstischer Mikrokosmos, eingefasst von Rippen und Wirbeln. Ein gigantisches Skelett.

Der Stil seiner früheren Arbeiten blieb prägend, noch die Schau von Linz im vergangenen Jahr war dominiert von der Biomechanik, von Bild gewordenen Gebärmaschinen und dem Alien. Vielleicht war Giger seiner Zeit so weit voraus, dass er seine düsteren Prophezeiungen gar nicht anpassen musste. „Die Genforschung wird uns noch das Fürchten lehren“, schrieb er. „Schon das Klonen ist ein Albtraum. Siamesische Zwillinge als Arbeiter, ein Unterleib, zwei Köpfe, vier Arme.“ Hans Ruedi Giger hat uns eine Welt gezeigt, in der das Verschwinden die bessere Alternative zu sein scheint.

 

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